DER ZAR

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Ted Bell

THRILLER

»Alex Hawke ist der neue James Bond. Ted Bell ist der neue Clive Cussler.« [James Patterson, Autor]

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Beschreibung


Irgendwo in Russland gibt es einen Mann – einen mächtigen Mann –, dessen Namen niemand kennt. Über seine Existenz wird lediglich spekuliert. Obwohl er unsichtbar zu sein scheint, zieht er dennoch seine Fäden — und er zieht sie gnadenlos. Plötzlich stellt Russland eine weitaus unheilvollere Bedrohung dar, als es selbst die hartgesottenen Veteranen des Kalten Krieges jemals für möglich gehalten hätten.

Die Russen haben ihre Finger am Hebel zur europäischen Wirtschaft und den Schwachpunkt Amerikas im Visier. Was ihnen jedoch am wichtigsten ist: Sie möchten das Reich wieder einen! Sollte Amerika versuchen, Russlands Pläne einer »Rückführung« seiner ehemaligen Sowjetstaaten zu durchkreuzen, dann wird es dafür blutig bezahlen.
Ted Bells actiongeladene Tour de Force, die jeden Puls höher schlagen lässt, stellt seinen Agenten Alex Hawke vor einen globalen Albtraum gewaltigen Ausmaßes. Während die politische Krise ihren Lauf nimmt, erlangt Russland ein neues Oberhaupt – nicht nur einen Präsidenten, einen neuen Zaren! Ein Signal an den Rest der Welt, dass das alte Russische Reich wieder erwacht ist und darauf wartet, dass seine große Stunde schlägt.
Währenddessen ermordet in Amerika ein mysteriöser Killer, den man nur als »Happy the Baker« kennt, brutal eine unschuldige Familie und macht das kleine Städtchen Salina im Mittleren Westen buchstäblich dem Erdboden gleich. Wenn es nach dem neuen Zaren geht, nur ein Vorgeschmack dessen, was passieren wird, sollte Amerika nicht einlenken.
Hier kommt Alex Hawke ins Spiel, Geheimagent der Extraklasse und der Einzige, so sind sich Amerika und Großbritannien einig, der diesem absoluten Wahnsinn ein Ende setzen kann.


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Zusätzliche Information

ersterscheinung

2016

format

mobi), Klappenbroschur / Ebook (epub

seiten

640

isbn

978-3-95835-1301

eisbn

978-3-95835-131-8

Leseprobe


Prolog

Oktober 1962

Das Ende der Welt schien unmittelbar bevorzustehen. Auf Kubas Zuckerrohrplantagen ragten massenweise Raketen auf, und im Südatlantik bezogen amerikanische sowie sowjetische Schlachtschiffe Angriffspositionen. Amerikas junger Präsident John Fitzgerald Kennedy hatte eine strapaziöse Woche hinter sich.
Der Kreml grollte Tag und Nacht, während sich die Ereignisse überschlugen. Die Luft knisterte vor streitlustigen Verlautbarungen, die Moskau und Washington abwechselnd herausgaben; die Nerven beider Parteien lagen blank und waren bis zum Zerreißen gespannt. Um noch etwas mit Diplomatie zu erreichen, war es längst zu spät, die altbewährten Krisenverhaltensregeln des Kalten Krieges galten nicht mehr.
Es galt keine, wirklich nicht eine einzige – nicht jetzt, nachdem der russische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow dazu übergegangen war, westlichen Gesandten mit »Wir werden euch begraben« zu drohen oder bei der UN mit einem seiner Schuhe auf den Tisch zu klopfen … und schon gar nicht infolge der Entdeckung von Fidel Castros aus Russland eingeführten Interkontinentalraketen, 90 Meilen vor Miami.
Die einstige Festung Camelot, die geschätzte, friedliche Präsidentschaft des attraktiven Jungkönigs und seiner hübschen Gattin Jacqueline bröckelte zusehends. Und die Risse, die sich immer weiter auftaten, führten geradewegs in die Hölle, wie Jack Kennedy ahnte.
Insgesamt besaßen die beiden Hauptstreitmächte mehr als fünfzehntausend Atomsprengköpfe, die sie gegeneinander richteten. An den Grenzen Westeuropas standen neunzig einsatzbereite sowjetische Militärdivisionen. Amerikas Army, Navy und Bombergeschwader befanden sich zum ersten Mal in der Geschichte im Verteidigungsbereitschaftszustand DEFCON 2, also kurz vor einem Krieg, und das schon seit acht Tagen.
Zwei hilflose Riesen, von denen sich keiner traute, Luft zu holen.
Bis jetzt.
An diesem regnerischen Nachmittag im Oktober 1962 wusste Jack Kennedy sehr genau, dass die Zerstörung der Welt durch Kernwaffen nicht mehr nur als Stoff für Albträume herhielt, denn lediglich ein kleiner Schritt fehlte dazu.
Die Bedrohung war näher als Weihnachten.
Im Auge des Sturms stand das umkämpfte Weiße Haus. Jeder, der in der Pennsylvania Avenue 1600 arbeitete, tat sich angesichts des dräuenden Verhängnisses schwer damit, eine weitere Stunde, einen weiteren Tag durchzuhalten. Die Gesichter geliebter Kinder, Haustiere und Ehepartner – viele in bunten Bilderrahmen aus Speiseeisholzstielen – erinnerten sie ununterbrochen daran, was sie jeden Augenblick für immer verlieren mochten.
Die Reaktionszeit der USA auf eine von Kuba abgefeuerte Sowjetrakete betrug nur 35 Minuten. Dadurch wurde wenigen Angestellten des Weißen Hauses und hochrangigen Generälen das Glück zuteil, innerhalb von sieben Minuten in Hubschrauber zu springen, die zum »Rock« fliegen sollten, einem streng geheimen, unterirdischen Bunker, den man einem Berg in Maryland abgetrotzt hatte.
Diejenigen, die zurückblieben, konnten sich lediglich an ihren Fotos festhalten, die Augen schließen und unter ihre Schreibtische kriechen wie die Grundschüler in den jämmerlichen Fernsehwerbespots des Zivilschutzes. Holz gegen die Atombombe – was für ein kranker Witz.
Jack Kennedy zog sich in einen abdunkelten Alkoven im Westflügel zurück und schluckte zwei Kopfschmerztabletten. Die Nebennierenrinden-Insuffizienz setzte ihm zu. Er war nervlich am Ende. Sein Rücken tat furchtbar weh. Leider wartete sein Bruder Bobby in seinem letzten Refugium auf ihn, dem Oval Office, also machte er sich auf den Weg zur Treppe.
Kennedy war gerade nach einer weiteren äußerst hitzigen Besprechung mit seinen Stabschefs aus dem Lagezentrum gekommen. Die hohe Riege des Pentagons, die nie lange fackelte, drängte auf den nuklearen Erstschlag mitten ins Herz Russlands. Kennedy ließ sich jedoch nicht beirren. Er bestand darauf, dass seine Seeblockade Kubas die größte Hoffnung Amerikas sei, Chruschtschows Bluff aufzudecken und den nächsten Weltkrieg zu verhindern.
Während Jack Kennedy hinter den verschlossenen Türen des Oval Office vorm knisternden Feuer im Kamin auf und ab ging, trug er nicht jene Maske, die er für die Öffentlichkeit aufsetzte, sondern verzog sein wahres Gesicht vor Sorge und Schmerz.
»Hast du von dieser Redstick-Sache gehört, Jack?«, fragte Bobby den Älteren.
»Wie sollte ich nicht davon gehört haben? Man spricht dort unten von nichts anderem mehr. Jetzt haben sie endlich etwas, womit sie auf mich einprügeln können, und werden sich nicht davon abbringen lassen, es zu versuchen.«
»Erklär’s mir genau, Jack.«
»Berechnungen des Pentagons zufolge werden die sowjetischen Schiffe unsere äußere Verteidigungslinie in 72 Stunden erreichen, doch anhand der Fülle von neuen Informationen, die wir vom britischen Marinegeheimdienst erhalten, könnte Russland, was seine Jagd-U-Boote angeht, einen gefährlichen Vorteil gewonnen haben.«
»Wie das?«
»Sie verfügen über irgendeine neue Unterwasserakustiktechnologie mit dem Kürzel SOFAR: eine Sonarboje fortgeschrittenen Types. Ihr Codename lautet Redstick. Wie es aussieht, kann sie ein U-Boot aus einer Entfernung von tausend Meilen an den Eigenschaften seines Antriebs erkennen. Mein Gott, falls das stimmt, Bobby, bedeutet es, dass unsere Blockade riesige Lücken aufweist. Sie wäre wertlos, wie mir die Militärchefs schon seit Tagen vorbeten.«
Bobby, der die Hände tief in seine Hosentaschen gesteckt hatte, stand mit vor Müdigkeit herabhängenden Schultern am Fenster und schaute hinaus in den aufgeweichten Rosengarten. Er konnte nicht absehen, wie viele schlechte Neuigkeiten sein Bruder noch ertragen würde. Indem er ein Lächeln aufsetzte, drehte er sich zu Jack um. »Die Briten kümmern sich ja schon darum. Alles, was wir momentan unternehmen können, wird auch getan.«
»Haben sie sich mittlerweile gemeldet? Wir warten immerhin schon seit heute Morgen auf eine Nachricht dieses U-Boots. Eher noch sieht man Pferde vor Apotheken kotzen, als beizeiten etwas von diesem Verein zu hören.«
»Der Marinegeheimdienst aus London hat vor zehn Minuten im Verteidigungsministerium angerufen. Deren U-Boot Dreadnought ist mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs, um einen ihrer Topagenten in Schottland abzuholen. Der Mann heißt Hawke. Sie kommen voraussichtlich um null-sechshundert auf Scarp Island in den Hebriden an. Sechs Stunden später soll Hawke in den Redstick-Stützpunkt der Sowjets in der Arktis eingeschleust werden. Falls er lebendig rein und auch wieder raus kommt, erfahren wir etwas Konkretes über die Reichweite, akustische Empfindlichkeit, Kommunikationsfähigkeiten und …«
»Scheiß auf akustische Empfindlichkeit! Ich will hören, wie viele von diesen verfluchten Sonaren sie haben und wo in drei Teufels Namen sie sind! Sollten sie sich im näheren Umkreis unseres Einsatzgebietes befinden, muss ich wissen, wie schnell wir sie unschädlich machen können.«
»Die Briten versprechen, uns diese Informationen in den nächsten zwölf Stunden zu liefern.«
»Zwölf? Verdammt, Bobby, ich brauche sie sofort. Falls sie diese Redstick-Dinger im Südatlantik verteilt haben, steht jede einzelne Verteidigungsoperation auf der Kippe, die Admiral Dennisons U-Boot-Einheiten dort durchführt.«
»Anscheinend ist dieser Hawke der Beste, den sie haben, Jack. Egal worum es geht, er kriegt’s angeblich hin.«
»Na ja, dann hoffe ich inständig, dass das wahr ist«, erwiderte Jack und ließ sich in seinen Lieblingsschaukelstuhl fallen, der aus Rohrholz bestand und dessen Rückenlehne mit gelbem Tuchleinen bespannt war.
Während er vor und zurück wippte, starrte er ins Feuer und bemühte sich vergeblich, die Tatsache hinzunehmen, dass das Schicksal der – jawohl – gesamten Menschheit plötzlich in den Händen irgendeines dahergelaufenen Briten liegen sollte, von dem er noch nie gehört hatte.
»Hawke?«, fragte Jack, wobei er seine geröteten Augen rieb, ehe er zu Bobby aufschaute. »Wer um alles in der Welt ist er?«

An seinem Rücken hing ein Gewehr, und in einer seiner Taschen steckte eine einzelne Kugel, die abzufeuern er kaum erwarten konnte.
Sein Name war Hawke.
Er war ein kaltblütiger Krieger in diesem Kalten Krieg, der sich auf einmal als brandheiß herausstellte. Um die Zeit bis zu seinem nächsten Auftrag totzuschlagen, ging er gerade bei Regen im Sumpfgebiet von Scarp Island zur Jagd und war einem gewaltigen Rothirsch auf der Spur. Der sogenannte Monarch von Shalloch entwischte ihm seit Jahren immer wieder, doch Hawkes Finger am Abzug kribbelte dermaßen, dass er glaubte, dies sei der Tag, an dem es zur endgültigen Abrechnung zwischen Mensch und Tier kommen könnte.
Wie er erhobenen Hauptes an den Klippen über dem Meer entlangging, sah er selbst wie ein Hirsch in höchster Alarmbereitschaft aus. Es war 1962, und er im Alter von 27 bereits ein alter Hase im Marinegeheimdienst. Im Laufe vieler langer Monate auf Patrouillenfahrt in ebendiesen Gewässern an Bord eines Zerstörers der Royal Navy, um russische U-Boote aufzuspüren, hatte er die Bedrohung durch die Macht der Sowjetunion und ihre Reichweite zu spüren bekommen. Er trachtete bereits danach, zurückschlagen zu dürfen, und es sah ganz danach aus, dass er endlich eine gerechte Chance bekam, ein wenig Russenblut zu vergießen.
Dank seitens der Royal Navy sorgfältig vorbereiteter Reise war er zwei Tage vor seiner geplanten Abholung per U-Boot auf dieser gottverlassenen Insel angekommen. Da sein Einsatz ›Operation Redstick‹ strengstens unter Verschluss gehalten wurde, wollte man ihn erst unter Deck der Dreadnought darüber aufklären, während das U-Boot den nördlichen Polarkreis ansteuerte. Dort auf der norwegischen Insel Spitzbergen sollten die Russen so etwas wie einen geheimen Abhörposten betreiben. Mehr wusste er nicht.
Den Rest konnte er sich allerdings zusammenreimen. So wie er es sich vorstellte, belief sich seine Aufgabe darauf, in Erfahrung zu bringen, was es genau mit diesem Posten auf sich hatte – und ihn zu zerstören. In seinen Anweisungen würde man bestimmt nicht erläutern, wie er heil davonkommen sollte. Darin bestand jedoch die Schwierigkeit, aber gut … so war es immer.
Drauf geschissen. Er lebte nach wie vor und hatte noch ein paar Stunden Zeit, bis sie ihn abholten. Der Monarch, wie gesagt ein großer Rothirsch, ging irgendwo dort draußen im Moor oder unten am Fuß der Klippen um. Hawke hatte den Spitznamen des Tiers auf die eine Kugel in seiner Tasche gravieren lassen. Nun machte er sich vorsichtig daran, die Steilwand hinunterzuklettern. Es war bitterkalt. Vom Meer rollte Nebel heran. Sichtverhältnisse? Bescheiden.
Wie aus dem Nichts tat sich zwischen den Rufen von Möwen und Schwalben ein merkwürdiges Geräusch hervor, welches ihn aufschauen ließ. Na, wenn das nicht wie der Knall eines Gewehrs mit gehöriger Feuerkraft klang!
Jagte noch jemand den Monarchen von Shalloch? Ausgeschlossen. Auf dieser erbärmlichen Insel lebten bloß Schafe und Bauern. Bei solch einem Mistwetter würden sie sich wohl kaum auf die Pirsch …
Noch ein Schuss! Und diesmal stand fest, worauf der Kerl schoss. Hawke versteckte sich hinter einem hervorstehenden Felsen und wartete, wobei er sich auf sein Herz konzentrierte, damit es wieder langsamer schlug. Die nächste Kugel flog mit einem Pfiff knapp über seinem Kopf vorbei. Eine vierte folgte.
Dann blitzte über ihm kurz ein Licht auf – vermutlich die Sonne, deren Strahlen das Visier des Schützen reflektierte. Der Mann stieg folglich nach oben. In seiner gegenwärtigen Position befand sich Hawke in Gefahr. Er schaute sich hektisch nach einer Deckungsmöglichkeit um. Falls der Fremde noch ein paar Fuß weiter kletterte, war er ihm völlig schutzlos ausgeliefert. Jetzt wäre er am liebsten unter den dichten Kronen der Bäume auf dem Steinsims unterhalb.
Hawke stürzte los, womit er den Schutz des Felsens hinter sich ließ. Er landete mit beiden Füßen auf dem Vorsprung, ging in die Hocke und rollte zwischen die Bäume. Etwa 100 Fuß tiefer brandete die kalte, nebelverhangene See gegen den Fels.
Es knallte noch fünfmal, und jede Kugel, die durch die Wipfel der Birken über Hawke drang, zerfetzte Laub oder brach Zweige, die in Stücken auf ihn fielen. Da er Hawke sicher nicht sehen konnte, feuerte der Schütze einfach auf gut Glück.
Hawke nahm die Patrone aus seiner Tasche – sie hatte eine rote Spitze –, drückte sie in die Ladekammer seiner Waffe und zog den Verschlusshebel zurück.
Nun atmete er tief ein und hielt die Luft an, um Geist und Körper zu beruhigen. Hawke war ein ausgebildeter Scharfschütze. Er wusste, die Entfernung zu seinem Ziel betrug 190 Yards, sein Schusswinkel ungefähr 37 Grad und die Luftfeuchtigkeit lag bei 100, während der Wind mit Stärke drei, also sechs Meilen pro Stunde in einem 45-Grad-Winkel von links wehte. Eine Kugel, ein Schuss. Entweder ein tödlicher Treffer – oder eben nicht.
Hirsche konnten das Feuer natürlich nicht erwidern, falls man verfehlte.
Hawke stemmte den Schaft fest gegen seine Schulter. Er schaute durchs Visier und zielte so, dass das Fadenkreuz den Mann quasi in der Mitte teilte. Langsam krümmte er den Finger, während er genau anderthalb Pfund Druck auf den Abzug ausübte, keine Unze mehr. Bleib locker … tief Luft holen … nicht ganz ausatmen … zögere es hinaus.
Das Fadenkreuz deutete nun auf das Gesicht des Mannes. Genau dort wollte Hawke ihn treffen: Zwischen die Augen – auf einen Teil des Schädels, wo ein Treffer unumstößlich den sofortigen Tod zur Folge hatte.
Er drückte ab.
Die Ladung zündete; seine Kugel fand ihr Ziel.

Hawkes Jäger lag auf dem Bauch, eine dunkle Blutlache breitete sich rings um den Rest seines Kopfes aus. Er trug für sein Vorhaben zweckmäßige Kleidung, einen abgenutzten Wachsmantel und eine Drillichhose. Als Hawke die Stiefel des Mannes sah, erkannte er, dass sich um Maßanfertigungen aus dem Geschäft handelte, wo er auch seine schustern ließ: Lobb in der St. James Street, London. Ein Engländer? Er kramte in den Hosentaschen des Toten. Etwas Geld, ein amerikanisches Zippo-Feuerzeug, ein Streichholzbrief von Savoy Grill mit einer Londoner Telefonnummer in weiblicher Handschrift auf der Innenseite.
Die Innentaschen des alten Barbour-Mantels enthielten lediglich Munition und eine Landkarte der Äußeren Hebriden für Touristen, die erst kürzlich gekauft worden sein musste. Nachdem Hawke dem Toten die Stiefel ausgezogen hatte, hebelte er die Absätze mit seinem Jagdmesser von den Sohlen. Der linke Stiefel verfügte über eine gekonnt geschnittene Aussparung.
Darin steckte ein Päckchen, ebenfalls aus Wachstuch. Als Hawke es aufschlug, fand er eine dünne Brieftasche aus Leder mit Logo-Anstecker, dem vertrauten Schild und Schwert des KGB. Die Bedeutung kannte Hawke relativ genau: Der Schild stand für die Verteidigung der ruhmvollen Revolution, das Schwert für die Zerschlagung ihrer Gegner. In dem Etui klemmten in kyrillischer Schrift ausgestellte Papiere, deren Urheber eindeutig das Komitee für Staatssicherheit war.
Weiterhin zog er ein wenig schmeichelhaftes Foto von sich selbst heraus, das neulich in einem Pariser Straßencafé gemacht worden war. Seine Begleitung war eine hübsche amerikanische Schauspielerin aus Louisiana, seine geliebte Kitty. Kurz nach dem Schnappschuss hatte er sie gebeten, ihn zu heiraten.
Handelte es sich bei diesem Mordversuch um einen Einzelfall aufgrund seiner früheren Missetaten, oder hatte der KGB die Operation Redstick durchschaut? Sollte Letzteres stimmen, war das Gelingen des Einsatzes nun zweifelsohne fragwürdig. Die Russen würden ihm auf jener Eisinsel am Nordpol auflauern. Auf das wertvolle Überraschungsmoment verzichten zu müssen verlieh seinen Aufträgen andererseits stets mehr Würze.
Während er so dastand und den Toten betrachtete, nahm eine Idee in seinem Kopf Gestalt an. Die britische Regierung konnte unverzüglich eine verschlüsselte Nachricht über einen Kanal versenden, den der Kreml andauernd abhörte.
»SSN HMS Dreadnought um null-sechshundert an Abholstelle eingetroffen«, sollte die Falschmeldung lauten. »Zwei Leichen vor Ort gefunden: britischer Agent und KGB-Auftragsmörder, beide anscheinend im Kampf gestorben. Mission gefährdet, Einsatz von Marinekommando Whitehall abgebrochen.«
In jedem Fall war es einen Versuch wert.
In dem Jagdrucksack, den Hawke trug, steckte ein ausziehbarer Spaten. Er streifte die Stoffgurte von seinen Schultern, nahm das Werkzeug heraus und ertappte sich, weil er nun wesentlich besser gelaunt war, beim Pfeifen seines Lieblingslieds A Nightingale Sang In Berkeley Square, während er sich in den gefrorenen Boden schuftete.
Manchmal musste man seine Vergangenheit schlicht hinter sich lassen und nach vorn blicken.