THE ASCENT – DER AUFSTIEG

Ronald Malfi

Thriller

»THE ASCENT ist ein aufregender, beinahe unerträglich spannender Ritt, den man nicht verpassen sollte. Lassen Sie sich von dem Titel nicht in die Irre führen – der Roman hat weniger mit einem Berg und viel mehr mit dem Leben an sich zu tun. Wenn Sie Thriller lieben, die Sie bis zum Ende im Ungewissen lassen, ist dieser ein Muss.« [Kendall Gutierrez, Suspense Magazine]

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Artikelnummer: k.A. Kategorie: Schlüsselwort:

Beschreibung


Die Geister, die wir in uns tragen …

Es ist ein gefährliches Unterfangen – denn es könnte sein Ende bedeuten. Doch für Tim Overleigh, einem ehemals berühmten Bildhauer, der nach dem Tod seiner Frau langsam dem Alkoholismus verfällt, ist die Flucht in Extremsportarten das Einzige, dass ihn vor der Abwärtsspirale aus Selbstvorwürfen und Schmerz rettet.

Er schließt sich einer Gruppe von Bergsteigern an, die von dem ebenso reichen wie exzentrischen Abenteurer Trumbauer für einen selbstmörderischen Trip durch die Bergwelt Nepals zusammengestellt wurde. Jeder Teilnehmer scheint aus einem ganz besonderen Grund ausgewählt worden zu sein. Je weiter sich Overleigh in die unerforschten Regionen des Himalaja vorwagt, um so mehr vermischen sich reale Strapazen mit den Schatten seiner Vergangenheit, und auch Trumbauer scheint einen ganz eigenen Plan zu verfolgen.

Aus dem Kampf mit dem Berg und der Kälte wird ein Kampf gegen die eigenen Dämonen.

Zusätzliche Information

ersterscheinung

2017

format

mobi), Klappenbroschur / Ebook (epub

seiten

364

isbn

978-3-95835-193-6

eisbn

978-3-95835-194-3

Leseprobe


Ich saß Andrew in der Nische gegenüber, noch immer überrascht von unserem zufälligen Aufeinandertreffen.
»Du erinnerst dich doch, oder, Overleigh?«, fragte er wieder in jenem, leise gehauchten Ton.
Die Schatten, die im Zwielicht über sein Gesicht strichen, ließen es aussehen wie ein verwobenes Muster aus tiefen Furchen und geschnittenem Fleisch. Mein Name klang vertraut in seiner Stimme, so als ob wir immer in Kontakt geblieben wären.
»Wir wären fast gestorben?«
»Natürlich.« Die Wörter sprudelten automatisch aus seinem Mund.
Ich hatte keine Ahnung, worüber er da eigentlich sprach. Ich erinnerte mich daran, dass ich Andrew das letzte mal auf Hannah’s Beerdigung vor drei Jahren gesehen hatte.
»Das war ein Ding«, murmelte Andrew, während er einen Ring aus geschlossenem Zigarettenrauch in die Luft ausstieß.
»Jetzt warte mal«, forderte ich ihn auf. »Worüber sprechen wir hier eigentlich?«
Andrew runzelte die Stirn. Es war eine grotesk aussehende Mimik. Sein Gesicht war einfach zu dünn, um diesen fragenden, skeptischen Ausdruck glaubhaft vermitteln zu können. Stattdessen schienen seine Mundwinkel simultan nach unten zu sacken, und das Kinn wirkte zerfurcht wie eine Walnuss. »Du erinnerst dich nicht?«
»Nein, ich habe …« Dann brach die Erinnerung wie eine Riesenwelle über mir herein: Andrew hinter dem Steuer, und ich auf dem Beifahrersitz, nachdem wir die Beerdigung verlassen hatten, und wie er im letzten Moment das Lenkrad herumriss, um einem umstürzenden Hochspannungsmast auszuweichen, dessen abgerissene Kabel zuckend über den Asphalt peitschten und tödliche Funken sprühten.
»Der Hochspannungsmast«, hörte ich mich sagen und meine Stimme klang wie aus weiter Ferne. Dieser Vorfall war für mich aufgrund der Beerdigung unbedeutend gewesen.
Andrew hatte sich in den Stuhl gelehnt, und ich bemerkte den Ausdruck von erkennender Befriedigung auf seinem Gesicht. Etwas in seinem Blick, ein kurzes Aufblitzen, ich vermochte nicht genau zu sagen was, und ich wendete meine Augen von ihm und starrte hinab auf mein Glas.
Er entschuldigte sich, als sich eine unangenehme Stille zwischen uns gesenkt hatte. »Das war nicht das passende Thema, um nach so langer Zeit ein Gespräch zu starten.«
»Ist schon in Ordnung.«
»Du siehst gut aus.«
Jetzt war es an mir, zu grinsen. »Dummschwätzer. Ich weiß, dass ich aussehe wie breit getretene Scheiße.«
»Was ist mit deinem Bein passiert?«
Ich erzählte ihm vom Unfall, und dass es schlichtweg wahnsinnig gewesen war, so eine Unternehmung allein anzupacken, geschweige denn, niemanden im Vorfeld über meine kleine Expedition aufgeklärt zu haben. Der Knochen war glatt durch die Haut gedrungen. Ich war nur noch ein Bündel Elend gewesen und hatte riesiges Glück gehabt, das gerade ein Auto auf dem Highway entlangfuhr, als ich mich aus der Höhle hinaus auf die Straße schleppen konnte. Womöglich das einzige Auto weit und breit.
»Glück muss man haben«, meinte er, wobei er offenkundig wenig beeindruckt zu sein schien.
»Sechs Monate später«, fuhr ich fort, »hatte ich meine Lektion gelernt. Zumindest bis auf Weiteres.«
»Die Sache mit Lektionen ist die, dass immer neue hinzukommen.«
Ich fummelte mir eine Zigarette aus seiner Packung und fragte: »Was zur Hölle machst du hier eigentlich?«
»Das Regatten-Rennen.«
»Machst du etwa mit? Verarsch mich nicht. Du hast doch nicht etwa ein Boot?«
»Es ist nicht meins. Ich gehöre lediglich zur Crew.«
»Kannst du denn segeln?«
Natürlich war es eine äußerst dämliche Frage. Andrew Trumbauer war einer jener Vertreter der Spezies Mensch, die einfach alles ausprobierten – den Grand Canyon durchwandern oder in einem verdammten Kajak die Wasser des Nils entlang paddeln.
»Jetzt sag nicht, du hättest nie an dem Rennen teilgenommen?«, fragte er ungläubig, und ignorierte dankenswerterweise meine vorhergehende Frage. »Du lebst doch hier, oder nicht? Du bist doch in deinem Herzen ein Abenteurer. Um das zu erkennen, brauche ich keine Krücken und ein gebrochenes Bein. Immerhin kenne ich dich. Und du hast allen Ernstes bisher nicht an der Regatta teilgenommen?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Hatte viel Geschäft in den letzten Jahren.«
»Das ist doch nichts als eine billige Ausrede. Was ist das Verrückteste, dass du jemals getan hast?«
Auch ich hatte mir diese Frage oft selbst gestellt. Nach Hannahs Tod und der zunehmenden Verkümmerung meiner künstlerischen Fähigkeiten hatte ich mein Heil in der Welt des Extremsports gesucht. Sky-Diving, Höhlenwandern, Rafting. Aber ich wusste, dass ich trotz allem nicht mit Andy konkurrieren konnte. Also sagte ich: »Ich bin mal im strömenden Regen raus, um nach der Post zu sehen. Ohne Regenmantel. Äußerst riskant, ich weiß. Aber so bin ich eben.«
Andrew musste lachen, und diesmal war sein Gesichtsausdruck authentischer, menschlicher.
»Stellst du immer noch Statuen und Büsten her?«
»Nicht mehr. Ich habe es aufgegeben.«
»So wie du das sagst, klingt es nach nichts Besonderem. Als ob du mit dem Rauchen aufgehört hättest.«
»Nein, das gönne ich mir von Zeit zu Zeit.«
Andrews Grinsen erstarb. »Du meinst es ernst, oder?«
»So ernst wie ein Herzanfall.«
»Himmel, wieso? Du warst großartig?«
»Es gab viele Gründe. Eine Menge komplizierter Scheiße.«
»Das Leben glänzt vor komplizierter Scheiße. Deines unterscheidet sich da nicht von denen anderer.«
Ich fühlte, wie mein Herz von einem kräftigen Windstoß davongetragen wurde. Aus einem dummen, für mich nicht nachvollziehbaren Grund, sagte ich: » Ich sehe Hannah.«
Andrew starrte mich mit einer in den Augen lodernden Intensität an, bei der ich mich unwohl fühlte. »Was sagst du da?«
»Vergiss es einfach.« Ich winkte mit der Hand ab.
»Erzähl es mir.«
Seufzend beobachtete ich eine Gruppe älterer Männer beim Dartspielen. Nach einer gefühlten Ewigkeit begann ich mit meiner Schilderung der Ereignisse.
»Du wirst mich wahrscheinlich für verrückt halten, aber ich glaube, dass ich von ihrem Geist heimgesucht werde.«
»Wie kommst du darauf?«
»Das erste Mal war sie mir in der Nacht des Unfalls erschienen, in der Höhle.«
Ich erzählte ihm im Detail, wie mir letztlich der Ausstieg aus der Höhle geglückt war und von dem anschließenden Marsch, der mich in Richtung Highway führen sollte; Hannahs Geist hinterher trottend. Ich wusste nicht, ob Andrew lachen oder aber mir auf die Schulter klopfen würde, mit dem gut gemeinten Ratschlag, einen Seelenklempner aufzusuchen, doch auf beides wartete ich vergeblich. Er lauschte der Geschichte, ohne mich zu unterbrechen.
»Danach sah ich sie immer mal wieder in meiner Wohnung. Immer aus den Augenwinkeln. Aber jedes Mal, wenn ich mich in die vermeintliche Richtung drehe, sehe ich entweder die Kleiderablage oder einen Berg Wäsche. Wenn ich das Licht anmache, ist sie ebenfalls verschwunden.« Wieder tat ich das Gesagte mit einem Wink meiner Hand ab. Es schien eine rational hinterlegte Geste zu sein, eine, mit der ich die Echtheit einer dennoch lachhaft anmutenden Story glaubhaft rüberzubringen vermochte. »Klingt dämlich, ich weiß, aber es beschäftigt mich.«
»Warum?«, fragte Andrew.
Ich wusste nicht genau, worauf er mit der Frage abzielte. »Weil es zur Hölle noch mal nicht natürlich ist.«
»Nein.« Er bewegte einige Finger vor seinem Gesicht. »Ich meine, warum gerade jetzt? Sie ist bereits seit drei Jahren tot.«
»Daran habe ich nicht gedacht«, entgegnete ich. »Es spielt sich sowieso nur in meinem Kopf ab! Ich musste mich seit ihrem Tod mit einer Menge Scheiße rumärgern.«
»Vielleicht ist es eine Warnung. Vielleicht versucht sie, dir vom Jenseits eine Warnung zukommen zu lassen.«
»Oder ich habe zu viel Zeit allein mit meinen Gedanken verbracht.«
»Und in der Höhle?«, fragte er mit einer hochgezogenen Augenbraue.
»In der Höhle hatte ich Höllenqualen auszustehen. Stand am Rande einer Unterkühlung, war beinahe schon dehydriert und litt auch sonst an sämtlichen, gesundheitlichen Supergaus, die du dir vorstellen kannst. Ich hätte Big Foot zu meiner Rettung herbeieilen sehen können, und zum damaligen Zeitpunkt wäre es mir als das Natürlichste der Welt vorgekommen.«
Andrew entrang sich einen tiefen Seufzer, und strich sich mit dem Zeigefinger über die obere Lippe. Seine Augen ruhten auf mir. »Du bist ja ein ziemlicher Realist. Kannst du dich eigentlich noch an all den irren Scheiß erinnern, den wir zusammen unternommen haben?«
Ich nickte zustimmend, konnte mich gut daran erinnern.
»Dein Rationalismus wird dich noch in die Knie zwingen.«
Verärgert über diese Aussage sagte ich schnaubend: »Das ergibt doch keinen Sinn.«
»Alles ergibt einen Sinn. Hör mal«, forderte er mich auf, und diesmal klang seine Stimme nicht wie ein leise gehauchtes Atmen. »Ich glaube an das Schicksal. Und ich glaube, dass uns das Schicksal heute Abend hier zusammengeführt hat.«
»Wieso sollte das Schicksal so viel Ärger auf sich nehmen wollen?«
»Damit ich mich entschuldigen kann.«
Seine Antwort kam völlig unerwartet und überraschte mich.
»Wofür denn entschuldigen?«
»Für all die Zeit, die wir nach Hannahs Tod verloren haben. Für mein Verschwinden in den letzten drei Jahren. Und dass ich mich bei eurer Scheidung auf ihre Seite geschlagen habe.«
Ich wandte den Blick ab und beobachtete, wie der Rauch meiner Zigarette kräuselnd in die Luft stieg. »Das ist schon in Ordnung. Schließlich warst du mit ihr befreundet. Abgesehen davon war ich ein Arschloch. Es war allein meine Schuld, dass es überhaupt zur Scheidung gekommen ist.« Irgendwie hoffte ich, dass Andrew dieses Eingeständnis relativieren würde, dass sowohl Hannah als auch ich unseren Beitrag zur Trennung beigetragen hätten, aber er sagte nichts dergleichen. Selbst wenn er etwas in der Art vorgebracht hätte, wäre es eine Lüge gewesen. Dass Hannah mich verlassen hatte, war ganz allein auf meinem Mist gewachsen, nicht unserem.
»Hast du schon von der Schlucht der Seelen gehört?«, fragte er mich.
Die Szene kam mir vor wie aus einem alten Film: Wie er sich über den Tisch beugte und mir in einem flüsternden und verschwörerisch klingenden Ton die Frage gestellt hatte. »Hast du?«
»Nein.«
»Es ist ein Tal, ein Gletschertal, glänzend wie eine auf Hochglanz polierte Rutschbahn unter der Erde und niemand auf diesem Planeten soll bisher in der Lage gewesen sein, es von einem Ende zu anderem durchwandert zu haben. Zur Hölle, Tim, niemand überhaupt soll es bisher gesehen haben. Niemand, Tim.«
Ein kalter Finger berührte den Grund meiner Wirbelsäule. Ich befand mich nicht mehr in der Bar, eine Unterhaltung mit Andy führend, sondern in meiner Wohnung und beobachtete die miteinander verschmolzenen Schatten in der Dunkelheit. Aber gleichzeitig fand ich mich auch in der Höhle wieder, mit dem verletzten Bein und dem Gestank meines eigenen, unmittelbar bevorstehenden Todes in der Nase. Ich dachte an Hannah und ihre Hand, die sie durch eine kleine Öffnung in der niedrigen Decke geschoben und mich hinausgeführt hatte. An ihr zwischen den Bäumen auftauchendes Gesicht, wie sie mich auf den Highway gelotst hatte, den ich ohne ihre Unterstützung niemals hätte finden können.
»Niemand«, hörte ich mich wiederholen.
»Ich hab schon viel Mist erlebt. Hab die ganze Welt bereist. Hier, schau dir das mal an.« Er krempelte einen Ärmel hoch und entblößte eine verblasste, von Falten durchzogene Narbe, die entlang des Unterarms verlief und ungefähr den Durchmesser eines Tennisballs aufwies. »Hast du eine Ahnung, was das hier verursacht haben könnte? Irgendeine Idee?«
»Nein, keine Idee.«
»Ein Stier. Ein Stier hat meinen Arm auf den Straßen von Pamplona durchbohrt. Scheiße, Mann, in Vietnam habe ich das Herz von lebenden Schlangen verspeist, während ich das Ganze mit Gallensaft runtergespült hab. Ich wurde Zeuge von den abartigsten Sexpraktiken – so Zeug mit Affen und Eseln, und eine Sache, die als »flüchtiges Verpflanzen« berüchtigt ist, etwas so Abscheuliches, dass du es gesehen haben musst, um es glauben zu können. Das alles ist inzwischen ein alter Hut für mich. Ich strebe nach etwas größerem, nach dem ultimativen Jackpot.« Er musste blinzeln, und ich war der Meinung, dass ich seine Augenlider zuschnappen hörte. »Ich will die andere Seite sehen.«
Mein Lachen über das soeben Gesagte kam auch für mich überraschend: »Das ist cool. Wirklich.«
»Ich habe bereits alles vorbereitet«, sagte er und lehnte sich gegen die mit rotem Stoff überzogene Rückenstütze seines Stuhls. »Ich möchte, das du mit mir kommst.«
Ich hatte bereits vermutet, dass er mir das anbieten würde. »Du bist verrückt. Du warst schon immer wahnsinnig. Mit dir kann ich einfach nicht mithalten.«
»Wo liegt das Problem? Du hast dir das Bein gebrochen, und jetzt hast du kein Interesse mehr am Leben? Das ist erbärmlich. Hannah wäre sicher enttäuscht von dir.«
Bei der Erwähnung ihres Namens jagte ein Stich durch meinen Körper. »Die Dinge ändern sich nun mal.«
»Was hast du überhaupt allein in der Höhle getrieben?«
Dieselbe Frage, die mir bereits Marta gestellt hatte. Diesmal fand ich es noch schwieriger, keine Antwort darauf zu geben.
»Ich hatte nicht über das Risiko nachgedacht. Es war fahrlässig und dämlich.« Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe. »Wo befindet sich die Schlucht der Seelen?«
»Nepal. Im Himalaja.«
Ich wäre beinahe vor Lachen erstickt. »Jetzt hast du wirklich den Verstand verloren.«
»Das Ganze wird etwa einen Monat dauern. Du hast Erfahrung beim Eisklettern und bist vertraut mit der Ausrüstung.«
»Mein Bein ist kaputt.«
»Drauf geschissen.« Nun war es Andy, der lautstark lachen musste. »Es wäre erst nächstes Jahr soweit.«
»Ich bin Dozent«, setzte ich an.
»Nein, bist du nicht. Du magst mal ein begnadeter Bildhauer gewesen sein, aber du hast die Kunst aufgegeben. Du warst mal ebenso Sportler, hast aber auch den Sport aufgegeben. Und welcher kümmerliche Rest ist dir noch geblieben?« Die Intensität, mit der er mich anblickte, war fast furchterregend. »Was kommt als nächstes?«
»Ich … weiß nicht«, lautete meine Antwort, eingeschüchtert, leise, abgehackt.